Freitagnachmittag, nach der Arbeit, um 15:30 Uhr begann die erste – nennen wir sie mal – Regelvorlesung. Wie alle anderen natürlich nicht verbindlich. Aber die Vorlesungen waren ja mit ein Grund warum ich mich wieder an einer Uni eingeschrieben hab. Und bei einem Fach wie Werkstofftechnik kann es auch nicht schaden, wenn man sich grundlegende Zusammenhänge noch einmal vortragen lässt. Ich kann mir vorstellen, dass die Studenten aus den Aufbaustudiengängen, die bisher nichts, oder nur wenig mit Werkstoffen zu tun hatten, beim Durcharbeiten der Studienbriefe öfter mal vor Rätseln stehen. Jedenfalls aber wahrscheinlich etwas mehr Schwierigkeiten haben, als jemand der seine Ausbildung im Handwerk – vielleicht sogar in der Stahlbranche – abgeschlossen hat.

Meine Ausbildung ist schon eine ganze Weile her, aber das Tabellenbuch Metall war seitdem mein ständiger Begleiter. Die Werkstoffe Holz und Beton gehören sowieso zur Baubranche, also musste ich mir da auch schon eine gewisse Grundlage schaffen. Und später im Studium war Beton und Stahlbeton zwar das beherrschende Thema, aber der Bereich den man kennen musste, war breit gefächert. Deswegen gab es auch zwei Prüfungen in Baustoffkunde. Beide hab ich damals bestanden. Und gar nicht mal schlecht. Aber als ich die Studienbriefe aufgeschlagen hab, sah ich mich vor dem gleichen Problem stehen wie zu Beginn meines ersten Studiums. Die Grundlage eines jeden Werkstoffes ist seine CHEMIE. Und bei mir kommt an der Stelle immer wieder die gleiche Frage auf. „Warum kann ich mich an so vieles aus meiner Schulzeit erinnern, aber nicht an eine einzige Chemiestunde.“ Die Antwort ist auch schnell gefunden. Ich hab nämlich nur ein einziges Jahr lang Chemieunterricht gehabt, aus dem ich schon in der ersten Stunde rausgeflogen bin und den ich fortan einfach geschwänzt hab.

Das wirft natürlich eine andere Frage auf. Nämlich wie man es schafft, in einem überkomplizierten Schulsystem wie dem deutschen, an ein Abitur zu kommen, ohne eine einzige Stunde Chemieunterricht absolviert zu haben. Die Frage sollen die Pseudoexperten mal versuchen zu beantworten. Ich kenne die Antwort ja. Aber der Umstand führte natürlich dazu, dass ich bei Antritt meines ersten Studiums nicht nur für die Fächer lernen musste, die auf dem Semesterplan standen. Sondern auch noch eine Extraschicht einlegen durfte, um mir die Grundlagen der Chemie anzueignen. Und da sich das alles nicht so wirklich in meinem Kopf verfestigt hat, fand ich mich vor den Vorlesungen zur Werkstofftechnik in der Situation, mir das Chemiebuch der dreizehnjährigen Tochter meiner Freundin ausleihen zu müssen, um die eben genannten Grundlagen nochmals aufzuarbeiten.

Die Werkstofftechnik im Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen an der HFH hat ihren Schwerpunkt ganz klar auf den Metallen. Und hier wiederum auf Stahl. Der Werkstoff Holz fällt vollständig raus, als ob es ihn gar nicht geben würde – und auch von Beton ist nichts in den Studienbriefen zu finden. Da hat man sich wohl auf die Unterscheidung von Bau- und Werkstoffen berufen und das Feld den Bauingenieuren überlassen. Dafür werden die Keramiken und die Gläser ganz allgemein gehalten kurz angeschnitten. Und für die Polymere gibt es einen vollständigen Studienbrief (Auch hier sollte man schon einmal was von Chemie gehört haben – sonst wird es knifflig).

Zurück zur Vorlesung. Freitag, 15:30 Uhr. Das ist schon unter normalen Umständen schwierig zu schaffen für mich. Ich hab nämlich eigentlich erst um 15 Uhr Feierabend. Aber gestern waren dann alle Götter gegen mich. Ich hab wirklich vorgehabt pünktlich zu sein. Ich hab angemeldet, dass ich eine viertel Stunde früher gehe, was schon nicht geklappt hat und hab dann eine geschlagene Stunde gebraucht um die knapp 12 Kilometer von meiner Firma bis zum Studienzentrum zu überwinden. Der Verkehr war die absolute Hölle. Dazu kam dann noch die Parkplatzsuche vor dem Studienzentrum, die ihre Zeit in Anspruch nahm und so bin ich mit sage und schreibe vierzig Minuten Verspätung in die Vorlesung geplatzt. Einen denkbar schlechten Start, würde ich das nennen. Naja, die Vorlesung ist freiwillig und die Dozenten werden wohl Verständnis dafür haben, wenn berufstätige Studenten mal später kommen, oder früher gehen.

Die Vorlesung selbst war dann aber zu allem Übel noch nicht mal sehr informativ. Mit ein paar kleinen Ausflügen, hielt sich der Dozent daran, die Inhalte des ersten Studienbriefes zu erläutern. Das war das was man erwarten konnte. Aber wenn man wirklich schon einen Blick in die Studienbriefe geworfen hat – wie es empfohlen wurde – dann gab es wenig zusätzliche Erleuchtung. Ich hab eine Handvoll Stichworte aufgeschrieben als er Hinweise zu den Klausurschwerpunkten gegeben hat und eine Literaturempfehlung hab ich notiert. Aus Wut über die Autofahrt durch den Feierabendverkehr, die unverhältnismäßig viel Zeit in Anspruch genommen hat, hab ich beschlossen, Zeit und Nerven zu schonen und nur noch die Freitagsvorlesungen wahrzunehmen, die für mich unverzichtbar sind. Alle Inhalte der Vorlesung sind in den Studienbriefen enthalten. Für den Fall das es wichtige zusätzliche Infos gibt, kann ich mir diese von einem Kommilitonen geben lassen. Den Freitagnachmittag kann man wirklich besser nutzen.

Nachtrag:
An dieser Stelle noch der Literaturhinweis den ich weitergeben möchte. Der Dozent selbst hat es empfohlen und nachdem ich und zwei andere Studenten meiner Lerngruppe mit diesem Buch gearbeitet haben, kann ich es auch nur jedem empfehlen der mit den Studienbriefen Werkstofftechnik zu kämpfen hat. Es ist leicht zu lesen und vermittelt wichtige Grundlagen für jedermann verständlich.
http://www.amazon.de/Werkstoffkunde-Werkstoffprüfung-Dummies-Rainer-Schwab/dp/3527706364/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1452341212&sr=8-1&keywords=werkstofftechnik+für+dummies">Werkstoffkunde und Werkstoffprüfung für Dummies, Rainer Schwab, Wiley-VCH Verlag

 
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