Eigentlich sind für die ersten sechs Wochen des Semesters keine regulären Vorlesungen angesetzt. Ich hab mich aber dazu entschlossen den angebotenen Mathe-Vorkurs wahrzunehmen. Obwohl ich Ingenieurmathematik 1 und 2 schon mal bestanden hab, ist die Routine in Sachen Mathe in den letzten Jahren doch wieder verflogen. Das ist natürlich dem Umstand geschuldet, dass man (oder ich) bei der täglichen Arbeit nahezu überhaupt nichts mehr selber rechnen muss. Und wenn, dann sind es eben die drei, vier Rechnungen die man beinahe täglich rechnet. Die sind aber mit ein bisschen Geometrie und Grundlagenmathe abgehandelt. Ich muss auf der Arbeit keine Integrale rechnen und auch nichts ableiten. Und mit Finanzmathematik hab ich schon überhaupt nichts zu tun.


Beim Blick in die Skripte wird einem das dann auch wieder bewusst. Das meiste davon hab ich schon mal gerechnet. Vor langer, langer Zeit – so kommt es einem vor. Aber wenn ich jetzt auf Anhieb versuchen soll diese Sachen zu rechnen, dann würde ich wahrscheinlich an vielen Stellen ziemlich lange darüber nachdenken müssen. Um nicht alleine nachdenken und die vielen Mathebücher wälzen zu müssen, hab ich mich also für den Vorkurs angemeldet. Aber wenn ich meinen Stundenlohn gegenrechne, mit dem Faktor Zeit den ich vermutlich brauchen würde um das alles aufzuarbeiten, dann lohnt sich die Investition. Schlappe hundertsechzig Euronen haben die dafür aufgerufen. Aber gut. Jemand der da steht und meine Fragen beantwortet, oder mir das vorrechnet, ist jeden Cent davon wert, wenn man berücksichtigt wie lange ich nach einem Lösungsweg forschen müsste, ohne dann zu wissen ob er tatsächlich richtig war.
Zu meiner Überraschung war die Vorlesung am Samstagmorgen doch ziemlich gut besucht. Da hatten wohl doch noch mehr den gleichen, oder ähnliche Gedanken wie ich. Viele von denen die nicht gerade aus dem Abitur kommen, oder täglich im Beruf mit mathematischen Problemen zu tun haben, fühlen sich einfach nicht sicher im Umgang damit. Man sollte den Tatsachen an solchen Stellen ins Auge sehen. Überheblichkeit kann hier tödlich sein.

Die Vorlesung ging ziemlich Pünktlich los. Obwohl der Dozent schon gute zehn Minuten im Raum war, konnten die Studenten ihm noch dabei zusehen wie er Minutenlang seine Sachen sortierte und dabei scheinbar immer wieder die gleichen Sachen auf dem Schreibtisch erst von A nach B, dann von B nach C räumte, um auf Platz A wieder was anderes zu platzieren. Dabei machte er anfangs den Eindruck eines etwas verwirrten Professors, der sich nicht entscheiden konnte wie er seine Unterlagen denn am besten anordnen soll. Zwischendurch konnte man den Eindruck gewinnen er versuchte die Zeit bis zum offiziellen Start der Vorlesung um Punkt neun Uhr irgendwie rumzukriegen. Wenn man das ausschloss dann blieb der Eindruck eines hochpeniblen Mannes, der um jeden Preis einen perfekten Vorlesungsbeginn arrangieren wollte. Er startete dann nach seiner Uhr wahrscheinlich pünktlich und alle Gedanken, mit denen ich versucht hatte die geistige Leere vor Vorlesungsbeginn zu füllen, verflogen.

Herr S. begrüßte alle und stellte sich vor, bevor er dann in aller Ruhe begann seine Vorstellung vom Ablauf und den Zielen des Vorkurses auszuführen. Er machte jetzt nicht mehr den Eindruck eines verwirrten, noch den eines hochpeniblen oder strengen Dozenten, sondern wirkte jetzt routiniert und zielorientiert. Er kam jetzt schon fast locker rüber und das machte ihn dann auch schnell sehr sympathisch. Ich erinnere mich, das er auf meiner Rangliste der sympathischsten Dozenten und Professoren einen riesigen Sprung nach oben machte, als er einen der motivierensten Sätze sagte, die ich je von einem Lehrer, Dozenten oder Hochschulprofessor gehört habe (wobei letztere sich mit motivierenden Reden immer am meisten zurückgehalten haben. Jedes Wort abseits ihres Vorlesungsplanes schien echte Schmerzen zu verursachen, oder aber empfindliche Geldstrafen nach sich zu ziehen. Was genau der Grund ist werde ich in meinem Leben wohl nicht mehr erfahren). Herr S. jedenfalls nutzte die allgemein herrschende Unsicherheit unter den Besuchern eines Mathe-Vorkurses um den Ernst der Lage deutlich zu machen und einmal mehr zu betonen, wie viele der Studenten in der Regel durch die Matheklausur fallen. Das wäre sicherlich nicht sehr motivierend gewesen, hätte er seinen kleinen erzählerischen Ausflug nicht mit den Worten „Sie werden nicht dazu gehören“ abgeschlossen.

Der Inhalt des Mathekurses war im Einladungsschreiben schon ungefähr umrissen worden. Und obwohl ich es gelesen hatte, war ich doch überrascht wie ausführlich die Grundlagen noch einmal durchgearbeitet wurden. Ich bin ziemlich sicher dass die dreizehnjährige Tochter meiner Freundin – die gerade in die achte Klasse gekommen ist – gerade die gleichen Sachen rechnen muss, dachte ich zwischendurch mal. Naja, soll ja nicht schaden weit vorne anzufangen. Aber wenn es in dem Tempo weiter geht, könnte das Erreichen des angestrebten Ziels mit nur vier angesetzten Kursterminen doch in Gefahr geraten.
Allerdings musste ich feststellen, dass es mir ganz gut tat, so weit vorn anzufangen und von da mit jedem Aufgabenblatt eine Schwierigkeitsstufe höher zu steigen. Die Übung tat gut und die Erinnerungen kamen mit jeder Aufgabe mehr und mehr zurück. Und so konnte ich mich dann auch recht souverän durch den ersten Tag rechnen. Es bleibt allerdings festzuhalten, dass bei aller Souveränität, ziemlich viele kleine Fehler den Weg auf mein Papier gefunden haben. Hier und da ein Vorzeichen vergessen oder nicht umgekehrt, hier mal einen Bruch falsch erweitert oder einfach im kleinen Einmaleins etwas falsch überschlagen und aufgeschrieben. Manche mögen es Flüchtigkeitsfehler nennen, bei genauem Hinsehen war es das Ergebnis von Pfusch und Schlamperei. Es fehlte schlichtweg die Übung. Das Hirn war zulange aus diesem Spiel raus.

Zwischendrin überkam mich wie immer um die Mittagszeit die Müdigkeit. Der Stoff war nun wahrlich nicht mehr aufregend, auch wenn ich mir wirklich Mühe gegeben hab, aufmerksam zu sein. Immerhin hatte ich ja aber früher schon mal die Schule besucht, das alles also schon einmal gesehen. Und wenn ich auch nicht immer der Beste in Mathe war (es gab fast immer mindestens eine(n) Asiaten/Asiatin oder eine(n) verdammte(n) Akademikersohn /-tochter-Streberkind der/die/das mich einen Punkt hinter sich ließ), war ich doch immer ziemlich gut dabei. Und wie erwähnt, hab ich die Klausuren in Ingenieurmathematik schließlich auch schon mal bestanden. Da dürfte doch diese Klausur – deren Umfang und Inhalt ich ja schon ungefähr kenne – eigentlich nicht zum Problem werden. Denke ich jedenfalls.

Vier Kurstermine, jeweils Samstagvormittags. Man kann sich den Vorkurs natürlich auch sparen. Wenn man einigermaßen fit ist in Mathe, oder die Motivation aufbringen kann sich alleine nochmals durch Grundlagen bis zur elften Klasse zu arbeiten, dann ist es sicherlich nicht nötig. Aber mir hat die Auffrischung ganz gut getan. Ein fester Termin an dem man sich Stundelang mit der Materie auseinandersetzen kann und das eigene Gehirn mal wieder mit Zahlen umgehen lässt. Dazu ein Dozent der schnell zur Seite springt und erklärt, korrigiert und nützliche Hinweise zu den früheren und den wahrscheinlich vorkommenden Klausuraufgaben geben kann. Außerdem ist der Mathevorkurs eine gute Gelegenheit einige der Kommilitonen in einer etwas kleineren Runde kennenzulernen. Was das einem am Ende alles gebracht hat, werde ich dann noch sehen.

 
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