Wer kennt es nicht? Mindestens einmal im Jahr – bei mir meist zu Beginn des Jahres – überkommt einen ein ungewöhnlicher Aktionismus. Ein scheinbar aus dem Nichts entstehender Tatendrang der eine kaum auszuhaltende, innere Unruhe zur Folge hat. Aus vielen Unterhaltungen und Erfahrungen weiß ich, dass ich damit nicht allein da stehe. Ich kann mich erinnern dass es in diesen Phasen gerne mal zu umfangreichen Aufräumaktionen innerhalb der eigenen vier Wände oder Keller und Dachböden kam. Manche Menschen erliegen diesem inneren Drang vollends und es endet nicht selten in weit kostspieligeren Aktionen. Im einfachen Fall buchen diese Leute dann schon mal frühzeitig Ihren Urlaub, in schlimmeren Fällen kaufen sie sich ein neues Auto, obwohl sie es nicht wirklich benötigen. Solange man seine persönlichen Verhältnisse dabei nicht aus den Augen verliert,

ist das aber auch nicht weiter schlimm. Und was wäre das Leben mit seiner ganzen Arbeit und den Strapazen, wenn man seiner Seele nicht hin und wieder mal eine impulsive Tat und ein daraus entstehendes Glücksgefühl gönnt? Es scheint auch viele Menschen zu geben die sich so stark angetrieben fühlen, dass sie diese innere Unruhe sofort in Bewegungsenergie umwandeln müssen. Das sind jene Menschen, die dann ihre angestaubten Laufschuhe und die inzwischen von Motten zerfressenen Sportklamotten aus dem Schrank holen und aus heiterem Himmel anfangen zu joggen, oder sich zur Probestunde im nächsten Fitnessstudio wiederfinden. Wie viele von uns wissen, sind der Aktionismus und die Energie in solchen Fällen aber meist sehr schnell verbraucht. Was natürlich dazu führt das sich sehr schnell wieder das Gefühl der inneren Ruhe und Zufriedenheit einstellt. Und so kann man auch in solcher Richtung ausgelebten Aktionismus etwas Positives abgewinnen.

Aus der Vergangenheit weiß ich also schon, dass manche Dinge nicht zum erhofften Effekt führen. Die Sache mit dem Sport hab ich auch probiert. Und da ich in meinem Alltag keine Laufschuhe trage, verrotten die schönen New Balance Schuhe jetzt schon seit Jahren in meinem Schrank. Aufräumen ist nur eine kurzfristige Lösung, weil ja über kurz oder lang alles aufgeräumt ist. Und da ich so gut wie nie zuhause bin, waren auch mittel- und langfristig angelegte Gartenbauprojekte für mich als pragmatisch veranlagten Menschen eher sinnlos.

Aber schon in meinen frühen Zwanzigern hab ich gelernt den Tatendrang besser für mich persönlich zu nutzen. Mit Blick auf die persönlichen Fähigkeiten und die Möglichkeiten die ein PC einem bietet, hab ich mich der Autodidaktik hingegeben und einen gewissen Grad an Erfüllung gefunden. Ich kann’s nur jedem empfehlen; wenn ihr euch langweilt, fangt an irgendwas zu lernen. Eines der ersten Dinge die ich mir im Zuge eines plötzlich auftretenden Tatendrangs angeeignet habe, war wahrscheinlich das 10-Finger-Tippen auf der Tastatur. Das ist nicht Abendfüllend, vor allem da man es in der Lernphase – mit Rücksicht auf die eigene Gesundheit – nicht allzu lange am Stück ausüben sollte. Aber bis heute, wo die Tastatur im Alltag fast allgegenwärtig ist, profitiere ich von diesem frühen Lernimpuls. Es folgten noch einige andere Dinge die ich mir mit Hilfe des Computers und einer Regalfüllenden Menge an Büchern angeeignet habe. Zugegeben, bei manchen Dingen hab ich es auch bei einem kurzen Einblick in die anfangs interessant aussehende Materie belassen.

Es drängt sich einem der Gedanke auf, das dieses zu Beginn angesprochene Gefühl des Tatendrangs aus purer Langeweile, oder geistiger Unterforderung entsteht. Einer Unterforderung, die sich nicht durch ein einfaches Sudoku oder das Anschalten der Playstation und noch nicht mal durch die Ausübung der eigentlichen Hobbies mehr bekämpfen lässt.

Auch in den letzten Jahren überkam mich dieses Gefühl immer wieder. Aber inzwischen nicht mehr nur in der traditionell langweiligen Neujahrszeit die der westliche Mensch gerne für die Auslebung der aufkommenden Aufbruchsstimmung nutzt. Es kam immer öfter. Es war eigentlich ein Dauergast. Es hielt sich hartnäckig und wenn es dann mal kurz verschwand, war es in der nächsten etwas ruhigeren Stunde wieder da. Es musste also etwas passieren. Um nicht schon wieder eine neue Software zu erlernen, die ich in dieser erlernten Version wahrscheinlich eh kaum wieder verwenden würde, oder mir letzten Endes doch noch aus purer Verzweiflung ein neues Auto zu kaufen, bin ich tief in mich, auf die Suche nach etwas möglichst langfristigem, nachhaltigem gegangen.

Und vor ein paar Jahren, nachdem ich mich schon eine ganze Weile mit dem Gefühl der inneren Leere (etwas dramatisiert) und der unüberwindbaren Langeweile abgeplagt hatte, nachdem ich viele Möglichkeiten ausgelotet hatte, bin ich schließlich auf die Lösung gekommen.

Es war eigentlich ganz naheliegend. Es war völlig offensichtlich und ganz einfach. So einfach und naheliegend das man es bei den Überlegungen lange als völlig abwegig und lebensfern betrachtet hat. Wo konnte ich auf unbestimmte Zeit eine Beschäftigung für mich finden. Eine die mich fordert und persönlich weiterentwickelt. Eine Beschäftigung die nicht an bestimmte Zeiten gebunden ist und die ich trotzdem bei Wind und Wetter ausführen konnte. Nach Möglichkeit beinhaltet diese Freizeitbeschäftigung noch ein motivierendes Fernziel das einen bei Laune hält. Sowas wie die Marathondistanz für den Jogger. Der Riesenwels für den Angler, oder der fertige japanischen Garten hinter dem Haus des passionierten Garten- und Landschaftsbauers.
Die Lösung hieß „Fernstudium“! Ich gehe nochmal studieren. Bevor ich vierzig werde hole ich mir noch ein Diplom – oder einen Bachelor, oder was auch immer bei einer akademischen Graduation heute auf die verdammte Urkunde gedruckt wird. Ich kann bei Bedarf jeden Tag lernen, oder eben auch nicht. Ständig wechselnde Themen sorgen für genug Abwechslung beim Input. Die einzelnen Klausuren können als kleinste Etappenziele herhalten. Und letztlich kann ich mich selbst fordern und testen. Eine große Frage die die ganze Aktion ummantelt; schaffe ich das überhaupt? Immerhin soll das Hirn im Alter immer träger werden und nicht mehr allzu aufnahmefreudig sein. Diese Frage gilt es über kurz oder lang zu beantworten. Vorher allerdings müssten verschiedene andere Fragen geklärt werden:

 
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